Braucht Liebe mehr Freiheit oder Verantwortung?

Der Traum einer schönen gebildeten indischen Frau

Eine_Theatergruppe von Studierenden der indischen Stadt Pune führte das Stück  "Wer wird denn unsereinen wohl lieben ?“ am 17. September  für die Schülerinnen und Schüler des 12. Jahrgangs der Gesamtschule Bockmühle Essen auf.  Diese lauschten den in perfektem Deutsch  vorgetragenen Dialogen gebannt und bedankten sich am Ende mit einem starken Applaus bei den Gästen. Die Deutschlehrer/innen hatten das Angebot angenommen, die Studenten/innen einzuladen; steht doch gerade im Deutschunterricht die  Tragödie „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller auf dem Pflichtprogramm,  die ebenfalls  eine unglückliche Beziehung zwischen zwei jungen Menschen zum Thema hat, die aus unterschiedlichen sozialen  Verhältnissen stammen.

Der Germanistikprofessor Dilip Rajguru ist  Organisator des Forums Deutsch an der Universität Pune, in einer Stadt, die viele Niederlassungen deutscher Firmen besitzt und in der ein Goethe-Institut zuhause ist. Er hatte eine  Erzählung von Vijay Tendulkar ins Deutsche übersetzt und dann die Idee entwickelt, sie in ein Theaterstück umzuschreiben. Wie kann man besser Deutsch lernen, als ein Theaterstück in Deutsch aufführen zu lassen, dachte er sich und überzeugte den Regisseur des Studententheaters an seiner Universität, Danesh Joshi, die Inszenierung zu übernehmen. Nach einigen Aufführungen in Indien entstand die Idee, das Stück auch einem deutschen Publikum zu zeigen.  Herr Rajguru steht schon seit vielen Jahren in engem freundschaftlichen Kontakt mit Dr. Dirk Scholten und dem Bildungsinstitut Communikation Akoun & Scholten und war schon des Öfteren  mit Studierenden zu einem Deutschlandaufenthalt eingeladen worden. Lange war es nicht sicher, ob die teure Flugreise von allen bezahlt werden könnte, aber mit Spenden von indischer und deutscher Seite – insbesondere vom Institut für Kultur und Sprache der Universität Duisburg-Essen - war es nach den Sommerferien so weit, dass die Theatertruppe sich auf die lange Flugreise machen konnte.

Alles musste jetzt recht kurzfristig organisiert werden. Und unter den Schulen, die sich sofort für eine Aufführung interessierten, war die Gesamtschule Bockmühle. Im Theaterraum wurde dann schnell ein Bühnenbild gezaubert. Mit wenigen mitgebrachten Requisiten, aber mit Saris und moderner und traditioneller indischer Kleidung, mit Musik und Tanzeinlagen wurde eine dichte Stimmung erzeugt und führten die jungen Laienschauspieler/innen beeindruckend schauspielerisch professionell durch die Handlung.

Man konnte sehen, wie ein junger Mann einer städtischen Familie von der großen Liebe träumt, für die er sich ganz frei entscheiden kann, während die Mutter und der Onkel, der die vaterlose Familie unterstützt, ihn zu einer Verlobung mit einem anständigen und für das Eheleben vorbereiteten, aber ungebildeten und nicht besonders hübschen Dorfmädchen drängen.
Als der junge  Mann die Verlobung aufkündigt, macht sich die junge Frau alleine in die große Stadt auf und stellt Mutter und Sohn zur Rede. In sehr intensiven und beeindruckend inszenierten Gesprächen macht sie klar, dass sie nicht als Handelsware behandelt werden will,  sie entlarvt den Bildungshochmut des Sohnes und zwingt ihn, sich seiner Verantwortung zu stellen, auch wenn sie jeden Anspruch an ihn aufgibt. In ihrer Kritik wird sehr deutlich, wie stark die Männer die traditionellen  Beziehungen dominieren.

Die Erzählung ,,Wer wird denn unsereinen wohl lieben? “  erschien 1947, also in dem Jahr, in dem Indien von britischer Kolonialherrschaft befreit wurde.  Junge Inder standen zwischen der Hoffnung auf eine freie Selbstentfaltung im westlichen Sinne und der Verantwortung für ihr Handeln gegenüber Tradition und Familie. Auch den jungen Zuschauern/innen an der Gesamtschule Bockmühle, von denen viele aus Elternhäusern verschiedener kultureller Herkunft stammen, stellt sich auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden oft die Entscheidungsfrage, ob sie einen ganz selbständigen und freien, oder einen Weg nach den Traditionen und Wünschen des Elternhauses einschlagen sollen. Und auch hier haben die jungen Männer und Frauen sehr unterschiedlich darum zu kämpfen, sich selbst zu entfalten. Dass es dabei nicht leicht ist, die Waagschalen Freiheit und Verantwortung richtig auszutarieren, zeigte auch das Theatererlebnis an jenem Tage.

Jürgen Friedrich

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