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Herr Abid und das private Verhältnis zu Gott
Von Torsten Fiebig

Herr Abid ist cool. Nicht wie ein Gangster-Rapper, sondern wirklich cool. Leise und gelassen erklärt er den Schülerinnen und Schülern des Islamkunde-Unterrichts an der Essener Gesamtschule Bockmühle die Aufgabenstellung. Sie sollen die Botschaft lesen, die Osama Bin Laden kurz nach den Anschlägen vom 11. September in die Welt gesandt hat. Von der Avantgarde der Moslems ist da die Rede und vom Wind des Gottvertrauens, der das amerikanische Böse von der arabischen Halbinsel fegen möge. „Unterstreicht wichtige Wörter und beantwortet die Frage: Welches Weltbild vermittelt Bin Laden?“

Yassine Abid, Lehrer für Sport und Islamkunde ist jung, 30 Jahre alt. Trotzdem sieht er so ganz anders aus als die Jungen, die vor ihm sitzen – mit gegelten Haaren, viele mit dicken Silberketten um den Hals.
Der gebürtige Marokkaner trägt keine Silberkette, er trägt eine randlose Brille und den schlichten silbernen Ehering, den ihm seine deutsche Frau an den rechten Ringfinger gesteckt hat. Trotzdem genießt Abid besonderen Respekt bei den Schülern. Weil er erreicht hat, was für die meisten von ihnen unerreichbar scheint: den sozialen Aufstieg jenseits von Superstar-Shows, Fußballplatz oder Gangsterromantik. Und weil er versteht, was es heißt, Muslim zu sein in einem nicht-muslimischen Land.

Aus Maarif komme er, berichtet Abid. Und aus einer Familie, die Soziologen wohl als bildungsfern beschreiben würden. „Mein Vater ist Maler, meine Mutter Hausfrau. Beide sind Analphabeten.“ In Marokko habe er sein Studium der Germanistik und Islamwissenschaft begonnen, bevor er Ende 2001 nach Deutschland gekommen sei und an der Bochumer Ruhr-Uni zu Ende studierte.

Die Zehntklässler, die im Islamkunde-Unterricht vor ihm sitzen, kennen diese Biografie. „Sie bewundern mich ganz offen dafür, dass ich Abitur und Studium geschafft habe“, sagt der Lehrer ohne jeden Hochmut. „Für sie sind das unerreichbare Ziele, obwohl sie hier geboren sind.“

Ein Grund dafür seien die Sprachprobleme der Eltern und deren fehlende Bereitschaft, bei der Erziehung ihrer Kinder mit der Schule zusammenzuarbeiten. Ein anderer ist laut Abid die Frage „Woher kommst du?“ Diese Frage grenze die Schüler mit Zuwanderungsgeschichte aus. „Ihre Heimat bleibt die Türkei, Tunesien oder Bosnien. Obwohl sie vielleicht noch nie dort waren.“ In der Herkunft der Eltern fänden die Schüler eine Identität, die etwas Besonderes sei. Ein anderer Weg auf ihrer Suche nach einem Selbstbild sei der Islam.

„Wenn er ohne Waffen ist, würde ich Osama voll eine reinhauen“, sagt einer der Zehntklässler. Seine Antwort auf das simple Weltbild religiöser Eiferer ist ebenfalls schlicht, aber vom Standpunkt her eindeutig. Auch die anderen wollen sich von Bin Laden nicht einteilen lassen, in gläubige Gotteskrieger mit der Bereitschaft zu töten einerseits, und Ungläubige andererseits. „Islamisten nutzen den Namen Allahs für ihren Terror nur aus“, findet Mohamed. „Wer Selbstmord macht, kommt doch direkt in die Hölle“, sagt Neriman. Sie ist eines von zwölf Mädchen, die in dieser ersten Schulstunde am Islamkunde-Unterricht teilnehmen. Nur eines der Mädchen trägt ein Kopftuch.

Draußen dämmert es noch. Die  Gesamtschule – gebaut in den 70er-Jahren, vorherrschende Einrichtungsfarbe orange – wird allmählich in das trübe Licht eines regnerischen Dezembermorgens gehüllt. 1500 Schüler gehen hier täglich ein und aus. Jeder Zweite hat Eltern oder Großeltern, die aus dem Ausland nach Deutschland gekommen sind. 49 verschiedene Nationalitäten gibt es an der Gesamtschule. Gut ein Drittel der Schüler ist muslimisch. So etwas kann bei Schulfesten als farbenfrohe Vielfalt verkauft werden. In einem Stadtteil wie Altendorf, geprägt von  Arbeitslosigkeit und Hartz IV-Karrieren, kann eine solche Mischung aber schnell zum sozialen Sprengsatz werden.

Hier macht Yassine Abid seine Arbeit. Im Spannungsfeld widerstreitender Ansprüche. Er sagt: „Die Bezirksregierung schreibt vor, dass ich stets Distanz zur Religion wahren soll. Ich soll zum Beispiel nicht sagen: Wir Muslime tun dies oder das.“ Solche Vorschriften zielten aber an der Wirklichkeit vorbei.

Tatsächlich wird die Arbeit am Bin-Laden-Text immer wieder von Fragen unterbrochen, die deutlich machen, wie sehr die Schüler sich mit dem Glauben identifizieren wollen, und wie groß ihr Wunsch nach Wissen darüber ist: „Herr Abid, ist es haram, wenn ich meinen Freund im Ramadan frage, warum  er nicht fastet?“ – Der Lehrer nimmt sich Zeit für solche Zwischenfragen nach vermeintlichen Verboten im Koran. Er weiß, dass der Islam in vielen muslimischen Elternhäusern dazu dient, autoritäre Erziehungsmethoden zu rechtfertigen, ohne dass der Koran wirklich gelesen wird. „Ob dein Freund fastet oder nicht, ob ich bete oder nicht – das ist ein privates Verhältnis zu Gott. So eine Privatsache geht keinen Menschen etwas an.“

Mit solchen Botschaften tritt Abid ein für einen säkularen, einen toleranten Islam – zu tolerant für den Geschmack mancher Eltern. „Ich kriege immer wieder zu hören, dass es alles Mist ist, was ich erzähle, dass es im Koran ganz anders steht.“ Er lade die Eltern dann ein, über die strittigen Fragen zu diskutieren, gemeinsam im Koran nachzuschauen, welche Ansicht dem Glauben gerecht werde. Es sei aber noch nie jemand zu ihm ins Lehrerzimmer gekommen. Frustriert sei er deswegen aber nicht. Er wolle seine Schüler zu eigenem Denken provozieren. „Wenn sie mit etwas mehr Wissen über den Islam aus dem Unterricht gehen und dann zuhause mit ihren Eltern darüber reden, habe ich schon eine Menge erreicht.“