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NRZ-Essen, 2.10.2010
Bildung, Bildung, Bildung
Drei deutsch-türkische Lehrerinnen und ihre Erfahrungen mit der Integration – ihrer ganz persönlichen und der ihrer Schüler

Marcus Schymiczek
Die Politik hat das Thema Integration entdeckt. Eine grif­fige These: An den Schulen fehlen Lehrer mit Migrations­hintergrund. Sultan Dagdevi-ren (46), Serpil Usta (26) und Naziyfe Ciftci (36) sind Deutschlehrerinnen. Ihre Eltern stammen aus der Tür­kei. Die drei Frauen unterrich­ten an der Gesamtschule Bockmühle in Altendorf, an einer Schule mit 1600 Schü­lern aus 49 Nationen. Ein Gespräch über Integration, über die Bedeutung von Vor­bildern und die Frage, wie aus Löwen Lämmer werden.

Die Bundesregierung möch­te an den Schulen mehr Leh­rerinnen wie Sie, Lehrerin­nen mit Migrationshinter­grund...
Sultan Dagdeviren: 
...ein furchtbares Wort...

Teilen sie die Auffassung der Regierung?
Naziyfe Ciftci:
Ich bin der Meinung, man braucht gute Lehrer und keine Quoten für Migranten. Das ist so ähnlich wie mit der Frauenquote. Was nützt eine Frau in einer Füh­rungsfunktion, wenn sie nicht gut ist?

Sultan Dagdeviren:
Wir sind in erster Linie Lehrer.

Durch ihre Herkunft brin­gen sie andere Erfahrungen mit.
Sultan Dagdeviren:
In die­sem Land hängt viel davon ab, aus welcher Schicht man tammt. Das gilt für Ausländer wiefür Deutsche. Auch ein deutsches Kind kann ganz arm dran sein. Wenn es gefördert wird, hat es eine Chance.

Die ethnische Herkunft pielt keine Rolle?
Sultan Dagdeviren:
Doch, sie spielt eine gewisse Rolle. Es ist nicht einfach in diesem Land für Menschen nichtdeutscher Herkunft. Es ist sogar sehr schwer. Wir signalisieren Kindern ausländischer Herkunft, auch ihr könnt es in diesem Land schaffen. Dafür sind wir Beispiele. Nicht mehr und nicht weniger.

Usta Serpil:
Ich hatte Schüler, die wollten gar nicht glauben, dass meine Eltern Türken sind. Die meinten, mein Vater sei bestimmt Deutscher. Sonst könnte ich doch keine Lehre­rin sein.

Ausländische Kinder haben läufig schwierige Startbedingungen. Wie war es bei Ihnen?
Sultan Dagdeviren:
Ich bin mit elf Jahren nach Deutschland gekommen. Meine Eltern lebten schon zwei Jahre in Essen. Mein Vater war Koch, meine Mutter Krankenschwester. Mein Vater hat in der Glasfabrik gearbeitet. Ich bin erst einmal in Karnap auf der Hauptschule gelandet.

Serpil Usta:
Ich bin in Deutschland geboren, bin aber in der Türkei aufgewachsen. Erst mit fünf Jahren bin ich zurück nach Deutschland gekommen. In der Schule hatte ich erst Angst, den Mund aufzumachen.

Naziyfe Ciftci: Meine Eltern sind Mitte der 70er Jahre nach Deutschland gekommen. Mein Vater war im Bergbau, meine Mutter Hausfrau. Zuhause wurde nur Türkisch gesprochen, ich habe oft über den Hausaufgaben geweint, weil mir niemand helfen konnte. Zum Glück hatte ich viele deutsche Freunde. Obwohl ich eine Empfehlung fürs Gymnasium hatte, haben mich meine Eltern aber erst auf die Hauptschule geschickt. Denn die war nur 500 Meter von unserem Haus entfernt. Sie müssen wissen, viele türki­sche Eltern kennen sich nicht aus mit dem deutschen Schul­system. Für die ist eine Sonder­schule etwas Besonderes. Ins Türkische übersetzt heißt das so viel wie „Privatschule".

Sie haben trotzdem Abitur gemacht, studiert, sind Leh­rerinnen geworden. Wie haben Sie das geschafft?
Sultan Dagdeviren:
Zuhau­se waren wir vier Mädchen. Wir haben alle studiert, weil es Menschen gab, die uns gefor­dert und gefördert haben. Für mich war das Johannes Meyer-Ingversen, ein Dozent an der Universität Essen. Ich war eine der ersten Schülerinnen, die dort Förderunterricht bekommen haben, übrigens in dem Programm, das im ver­gangenen Jahr nach 35-jähri­ger erfolgreicher Arbeit auf der Kippe stand, weil die Stadt den Zuschuss streichen wollte.

Serpil Usla: Mein Vater hat  selbst studiert. Auch ich und meine   Geschwister   sollten Abitur machen. Das war von  Anfang an klar.

Naziyfe   Ciftci:   Ich   habe mich   auf  der   Hauptschule durchgeboxt. Ich hatte da einen tollen Lehrer, der mich gefordert hat. Da habe ich mei­nen Eltern gesagt, ich möchte das Abitur machen. Es gab auch Lehrer, die meinten, dass ich mit Migrationshintergrund und Hauptschulwerdegang das Abitur nicht bestehen wür­de. Die sagten: „Das schaffst Du nie." Für mich war das nur ein zusätzlicher Ansporn.

Erzählen Sie Ihren Schülern davon?
Naziyfe Ciftci
: Ja, ich erzähl ihnen meine Geschichte. Und ich sage ihnen, es ist nicht das Allerwichtigste, schon mit 16 Jahren Geld zu verdienen, damit man sich schöne Kla­motten kaufen kann. Ich habe im Call-Shop gearbeitet und Toiletten geputzt, um mein Studium zu finanzieren. Meine Schüler saugen das auf. Das ist für sie, als lese ich aus einem ' Buch vor, nur spannender. Denn es ist wahr.

Sie sprechen Türkisch. Hilft Ihnen das bei ihrer Arbeit?
Naziyfe  Ciftci: 
In  der 9. | Klasse kam eine Schülerin aus  der Türkei zu uns. Sie sprach kein Wort Deutsch. Einige Jugendliche haben sich lautstark auf Türkisch unterhalten und dabei furchtbare Schimpfworte benutzt. Die hatten völ­lig vergessen, dass ich Tür­kisch kann. Ich habe zu der neuen Schülerin gesagt: Flucht man so in Gegenwart einer Frau? Die Jugendlichen hatten das gehört. Es  war ihnen peinlich. Von da an war Ruhe. Sie hatten verstanden, dass sie respektlos gewesen sind. Sie sind als Löwen reingekommen und als Lämmer wieder rausgegangen.

Wie reagieren nicht-türki­sche Schüler?
Sultan    Dagdeviren:   
Ich habe meine Schüler einmal gefragt: Bin ich anders als die deutschen Lehrer?  Die Antwort lautete: Pauker ist Pauker.

Naziyfe Ciftci: Manchmal werde ich gefragt, sind Sie Tür­kin? Dann antworte ich, mei­ne Eltern kommen aus der Tür­kei. Ich bin Deutsch-Türkin. Das war's.

Wie reagieren Eltern darauf?
Sultan Dagdeviren:
Unter­schiedlich. Es gibt deutsche Eltern, die sagen: „Sie spre­chen aber gut Deutsch." Und es gibt türkische Eltern, die glauben, ich könnte etwas für ihr Kind tun, weil ich Türkin sei. Die muss ich leider enttäu­schen. Ich hatte aber auch schon eine türkische Mutter hier, die mit mir nur Deutsch sprechen wollte. Das war ihr wichtig. Obwohl es ihr sehr schwer fiel und sie nach Wor­ten suchen musste.

Es viel wird viel über Islamunterricht diskutiert. Was ist Ihre Meinung?
Naziyfe Ciftci:
Ich unter­richte Islamkunde in der 9. Klasse. Der Unterricht müsste aber schon viel früher einge­führt werden. In manchen Köpfen schwirren die wildes­ten Ansichten herum. Auch radikale. Nichts davon ist durch den Koran belegt. Es gibt Jugendliche, die behaup­ten das Gegenteil. Der Vater habe gesagt, es stehe so im Koran. Ich sage dann, der Vater soll mir die Stelle zeigen.

Stoßen Sie trotz ihres per­sönlichen Hintergrundes an Grenzen?
Naziyfe Ciftci:
Es gibt muslimische Eltern, die wollen nicht, dass ihre Tochter am Schwimmunterricht teilnimm.

Serpil Usta: ... oder mit auf Klassenfahrt fährt.

Sultan Dagdeviren: Dabei steht im Koran: Lehre deine Kinder Reiten, Fechten, Schwimmen.