Startseite
/ Aus früheren Schuljahren
/ Schuljahr 2010/11 - 1. Halbjahr
/ Wenn Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen
Wenn Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen – ein Thema nicht nur für die Weihnachtszeit Jugendliche der Gesamtschule Bockmühle aus 6 Nationen führen das Stück „Flucht“ als eine Theater- und Tanzperformance auf. Ein Boot voller Flüchtlinge erreicht nach tagelanger Odyssee das rettende Ufer – und wird dort von Grenzschutztruppen entweder wieder aufs Meer getrieben oder die Flüchtlinge werden in gefängnisartige Lager eingesperrt … Ein junger Mann aus Marokko, der Batteriesäure getrunken hat, um aus dem Internierungslager für Flüchtlinge über die Krankenstation entkommen zu können, und der einen Sandro trifft, der in Deutschland viel Unsinn getrieben hat, was zur Abschiebung seiner Familie in den Kosovo führt … Eine 15-jährige Iranerin vor dem Amt, das Asyl bewilligt; sie hat eine schreckliche Flucht hinter sich: Ihre Familie ist auf der Flucht überfallen und ermordet worden, sie ist vergewaltigt worden und schafft es in das rettende Land – aber der Beamte glaubt ihr nicht, weil sie keinen Pass mehr hat und auch nicht die schreckliche Erinnerung detailliert erzählen kann und will … Szenen aus dem Stück mit dem Titel Flucht – ein drittes Theaterprojekt des Regisseurs Lutz Pickardt mit Schülerinnen und Schülern des 9. Jahrgangs der Gesamtschule Bockmühle; nach den beiden ersten sehr erfolgreichen Produktionen „Terror im Kopf“ und „Bruderkrieg“ wagte er sich mit den Jugendlichen deutscher, polnischer, libanesischer, irakischer, türkischer und chinesischer Herkunft an ein Thema, mit dem eine Reihe der Familien an dieser Schule selbst bittere Erfahrungen gemacht haben dürfte. Diesmal kooperierte Lutz Pickardt mit Katharina Böhrke als Regieassistentin – übrigens einer ehemaligen Oberstufenschülerin – und Kama Frankl als tänzerischer Leiterin, die die Szenenfolge mit symbolischen Tanzeinlagen unterstützte und verlebendigte. Dieses Dreierteam begann im September mit einem Casting und traf eine Auswahl der Schauspieler/innen: Tin Tin Wan, Rosa Wuku, Enes Tekin, Jaqueline Sieloff, Riven Wakilla, Karolina Koletzko, Ruken Durmus, Ali Rifai und Marcel Pietzka setzten sich durch. Sie wurden zuerst darstellerisch gelockert und trainiert, improvisierten Spielszenen, probten einige Wochen lang und standen am 7. Dezember bei der Uraufführung im Katakomben- Theater das erste Mal auf der Bühne Bevor die jungen Schauspieler/innen mit ihrem Stück begannen, trat Lutz Pickardt auf die Bühne und gab eine kurze Einführung in den Stoff, zu dem er zuvor schon ein halbes Jahr lang recherchiert hatte. Die Meinung sei oft, so erzählte er vor dem Publikum, die Menschen kämen nach Deutschland, um den Wohlstand hier zu genießen. Aber: „Niemand verlässt so schnell die Heimat“, stellte er fest. Er habe bei seiner Untersuchung viel über den Hunger, die Kriege, die Verfolgung erfahren, die Menschen zwängen, aus ihrem Vaterland zu fliehen. Über Bücher, Filme, Berichte eines befreundeten Rechtsanwalts und Gespräche mit Migrantenvereinen verschuf er den Jugendlichen ein Bild von dem, was sie auf der Bühne ausdrücken sollten. Marcel Pietzka hat die Rolle des Sandro übernommen, ein jugendlicher, in Deutschland aufgewachsener Roma aus dem Kosovo, der in seinem jugendlichen Leichtsinn viel verbockt. Marcel hat in der Generalprobe zuvor gesagt, dass er sich gut mit dieser Rolle identifizieren kann. „Er ist ein frecher Typ, macht viel Scheiße, ist aber auch cool“. Diese Lässigkeit nimmt man ihm auch bei der Premiere ab. Enes, der unter anderem ein Beamter der Ausländerbehörde ist, geht ganz selbstbewusst in seinen ersten Bühnenauftritt; ihm tut die Herausforderung gut und er blüht in seiner Schauspielerrolle sichtlich auf. Aber auch schwierige Rollen sind zu gestalten: Kaltherzige Grenzpolizisten, die die Bootsflüchtlinge internieren, Menschen, die Minderheiten diskriminieren und schlagen. Doch auch die Möglichkeiten menschlicher Solidarität werden auf die Bühne gebracht: Während das Stück damit beginnt, dass die Deutschen selbst Krieg und Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erlebt und sich in der Not gegenseitig geholfen haben, zeigt eine Krankenschwester bei einer freiwilligen Schicht in einer medizinischen Ambulanz für Flüchtlinge, die nicht versichert sind, dass es auch heute noch Menschen gibt, die an dem Leiden anderer nicht vorbeisehen. Die Szenen bleiben sehr karg in Kulisse und Gesprächen: Sitzkartons repräsentieren alle Requisiten, die jungen Flüchtlinge sind oft still und traumatisiert. Doch sie zeigen auch in anderen Szenen ihre Träume von einem einfachen sicheren Leben, von Geborgenheit und Mitmenschlichkeit. Natürlich gehört auch eine Liebesgeschichte zum Thema: die marokkanische Bootsflüchtling verliebt sich in die junge Iranerin und beide sehnen sich – trotz eines gefährdeten Aufenthalts in Deutschland und erzwungen illegaler Arbeit – nach einem Auskommen, einem kleinen gemeinsamen Glück. Die Tanzszenen fassen die Handlung zusammen, kommentieren sie und geben ihnen emotionalen Schwung. Träume, Sehnsüchte, Hilfsbereitschaft wechseln sich mit Gewalt und Ablehnung ab. Was wird letztendlich siegen? Das Theaterstück endet offen. Nach 90 Minuten haben sie es geschafft – die Schauspieler/innen verbeugen sich und nehmen den Applaus dankbar und erleichtert entgegen. In der anschließenden Nachdiskussion erzählen sie, was dieses Stück bei ihnen selbst bewegt hat: Marcel ist dankbar, dass er auf das Problem aufmerksam gemacht worden ist, Riven findet es „krass“, dass junge Menschen, die nur Deutsch gut sprechen, in ein Land abgeschoben werden können, das ihnen fremd ist. Tin Tin. Sie meint, man solle in der Schule im Deutsch- und Gesellschaftslehreunterricht viel mehr über die Flüchtlinge und ihre Situation reden. Sie erzählt, dass sie wenig über die Bühnenarbeit gewusst habe, und sie dankt der Regie, dass sie so viel hat lernen können. Auch die Zuschauer/innen zeigen sich beeindruckt. Als jemand berichtet, dass an diesem Tag 100 Menschen am Düsseldorfer Flughafen abgeschoben worden sind, wird noch einmal deutlich, dass sich in der täglichen Wirklichkeit solch menschliches Elend abspielt – und man sich nicht daran gewöhnen sollte. Jürgen Friedrich, 13.12.2010 |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
























