„Die Menschen müssen Erfahrung machen, dass sie von denen, die anders sind, lernen können!“ Kongress der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule NRW unter Beteiligung der Schulministerin Silvia Löhrmann in der Gesamtschule Bockmühle Den Satz in der Überschrift äußerte die Schulministerin Silvia Löhrmann in ihrer Grußrede zum Kongress der GGG NRW, der am Donnerstag, 18.11.2010, in der Gesamtschule Bockmühle stattfand. Sie betonte, dass Kinder mit Behinderungen gemäß der UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen das Recht haben, in einem gemeinsamen Unterricht mit allen anderen Kindern unterrichtet zu werden und dass die Landesregierung sowohl in Bildungskonferenzen mit allen politischen Kräften also auch im Dialog mit Städten und Schulen Bewegung in die Schullandschaft bringen wolle, in der – wie auch in Essen – immer noch zu wenig weiterführende Schulen Kinder mit besonderem Förderbedarf aufnähmen. Die Schulministerin sprach einer anderen „Schulkultur des Behaltens“ statt des Selektierens in scheinbar homogene Lerngruppen das Wort. Schulen, die inklusiv arbeiten, würden nicht zum alten Zustand ohne Gemeinsamen Unterricht zurückkehren wollen, weil sie den Gewinn für alle erfahren hätten. Es gebe keine Lerngruppen auf einem einheitlichen Niveau; mit und ohne Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf müssten die Schulen lernen, mehr individuell zu fördern, und dafür sich auch an neue Unterrichtsformen wagen. Obwohl die Schulministerin planerische, organisatorische und finanzielle Unterstützung versprach, war ihr wichtig, dass der wichtigste Schritt sei, diese jungen Menschen „so wahrzunehmen, dass sie in unserer Mitte sind“. „Wir brauchen leidenschaftliche Botschafter für Inklusion“, betonte sie; deswegen hob sie lobend hervor, dass sich die GGG NRW, die Besucher des Kongresses aus ganz Nordrhein-Westfalen und die Gesamtschule Bockmühle dieses Kongress- und Fortbildungsthema gestellt hatten. Sie machte aber auch deutlich, dass Gemeinsamer Unterricht in allen Schulformen angeboten werden müsse. Werner Kerski, Vorstandsvorsitzender der GGG NRW, und Klaus Prepens, Schulleiter der Gesamtschule Bockmühle, führten die Kongressteilnehmer durch den Tag. Werner Kerski erinnerte in seinem Einführungsstatement, dass schon 1958 mit dem Gemeinsamen Unterricht begonnen worden sei und bisher mehr als 40 der 225 Gesamtschulen ihn anböten. Der emeritierte Professor Ulf Preuss-Lausitz aus Berlin – Mitglied im Beirat der Deutschen UNESCO zur Integration - berichtete in seinen Eingangsvortrag, wie sich andere Bundesländer, Bremen als Vorreiter, auf den Weg einer inklusiven Unterrichtsentwicklung gemacht hätten. Er entwickelte genaue Vorschläge für Aktionsprogramme auf Landes- und Stadtebene und beschrieb die Wege einer erfolgreichen Schulentwicklung hin zum Gemeinsamen Unterricht. Der besondere Clou dieser Tagung war, dass 13 nordrhein-westfälische Grund- und Gesamtschulen von Güterloh bis Aachen sich mit ihren Erfahrungen und Modellen des Gemeinsamen Unterrichts präsentierten. Unter den Schulen befand sich auch die Montessori Gesamtschule in Borken, die in diesem Jahr den Jakob Muth-Preis der Bertelsmannstiftung für ihr hervorragendes pädagogisches Konzept überreicht bekommen hatte. Das Lehrerkollegium der Gesamtschule Bockmühle mit über 120 Mitgliedern und eine ebenso große Anzahl auswärtiger Teilnehmer konnten in einer ersten Runde in den Räumen vorbeischnuppern, in denen die Schulen ihr Präsentationsangebot an Bildern und Materialien aufgebaut hatten und mit ihrem Fachpersonal Rede und Antwort standen. Nach einem Mittagessen, das die Schülerfirma „Das Lokal“ gezaubert hatte, wählten sich alle in einen Workshop ein, um dort ausführlicher berichtet zu bekommen und die eigenen Fragen zu den Schulmodellen stellen zu können. Die Jahrgangsteams der Gesamtschule Bockmühle waren über alle 13 Workshops verteilt, damit möglichst viele konkrete Informationen für die weitere Diskussion in der Schule über den Gemeinsamen Unterricht zusammengetragen werden konnten. Auch eine Reihe von Eltern und Schülern der Gesamtschule Bockmühle nahmen an diesem Tag teil, denn der Weg in Richtung Gemeinsamen Unterrichts müsste von allen an der Schule Beteiligten getragen werden. Nach einer Kaffeepause, zu der die Schülerfirma wieder selbst gebackene Plätzchen und leckere Häppchen anbot, wurde der Kongress mit einer Rede von Bettina Amrhein, einer jungen Bildungswissenschaftlerin des Zentrums für Lehrerbildung der Universität Köln, abgeschlossen. Sie zeigte anhand eigener wissenschaftlicher Untersuchungen, wie schnell Lehrerinnen und Lehrer in eine Haltung zurückfallen, zufrieden zu sein, wenn Menschen mit Behinderungen „nicht auffallen“. „Wir sind anders“ hatten sich die Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Borken auf ihre T-Shirts geschrieben, so konnte man es auf einem Foto sehen. Vielfalt als Chance und nicht als Bedrohung erleben, dieser von Lehrerkollegien ohne eine Erfahrung mit behinderten Kindern oft schwere Schritt wurde durch diese Tagung bei vielen Teilnehmern etwas leichter gemacht. Dass es im deutschen Schulsystem nicht nur um begrenzte Änderungen gehe, sondern auch besonders im Umgang mit Menschen mit Behinderungen und Förderansprüchen ein ganz neuer Blick notwendig sei, fasste Vernor Munoz, Bildungsberichterstatter der UN – wie Bettina Amrhein ihn am Ende ihre Vortrags zitierte – so zusammen: „Wir müssen eigentlich nur ganz wenig ändern – nämlich alles“. Jürgen Friedrich, 24.11.2010 |
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