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NRZ- ESSEN Montag, 30. August 2010
Mädchen müssen draußen bleiben
Ganz unter sich trainieren Schüler ihr „Soft Skills“: Mit dem Methodenset „Starter Kit“ dreht sich alles um die Berufs- und Lebensplanung von Jungen
Anne Wohland

Einmal Personalchef sein: Sechs Schüler stehen am Billardtisch und haben die Qual der Wahl. Jeder hat ein beschriftetes Kärtchen in der Hand, das einem der ausliegenden Bewerbungsfotos zugeordnet werden muss. Richtig oder falsch gibt es nicht. Jeder muss für sich entscheiden, wer für ihn Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Ordentlichkeit oder Freundlichkeit ausstrahlt. Außer den Fotos gibt es keine Hinweise.
„Für mich war interessant zu sehen, wie man sich sein Urteil bildet“, sagt Mohammed Remmo. Nachdem der 15-Jährige die Station von „Starter Kit“, einem Parcours zur Berufs- und Lebensplanung von Jungen, hinter sich hat, ist er sicher: „An meinem Vorgehen, wie ich mich um eine Ausbildung als KFZ-Mechaniker bewerbe, ändert das nichts.“ So gesehen ist der Projekttag der Gesamtschule Bockmühle bereits ein voller Erfolg: Über 30 Achtklässler setzten sich auf spielerische Art und Weise mit ihrer Berufswahl und Lebensplanung auseinanderauseinander. Genau wie die Zehntklässler, die für gut drei Stunden die sechs Methoden anleiteten, haben sie sich freiwillig zum Nachmittagsprojekt gemeldet und damit Annelie Benesch, Berufswahlkoordinatorin der Gesamtschule, unterstützt.

Fehlende Vorbilder
„In dem Alter sind die Wünsche für Beruf und das eigene Leben bereits in den Köpfen. Nun geht es darum auch die ganze Bandbreite der Berufe zu eröffnen“, sagt Benesch. Die Berufswahlkoordinatorin war von der Fortbildung rund um das jungenspezifische Methodenset so positiv überrascht, dass sie es direkt vom Schulamt auslieh, mit Lehrerkollegen und Oberstufenschülern testete, um am Ende den Projekttag auszurufen. „Mir gefällt besonders, dass die Praxis im Mittelpunkt steht“, sagt Benesch. Für  zwischendurch sei das Set aber zu aufwändig. Mit „Starter Kit“ steht erstmals die Jungenförderung im Mittelpunkt der Berufsberatung.
Die Jungs sind dabei unter sich, Benesch agiert im Hintergrund. Genau so hatte sich das Sandro Dell’Anna, Leiter der „Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit NRW“ und Mitentwickler von „Starter Kit“ gedacht. „Nehmen wir zum Beispiel die Rollenbilder-Station. Man merkt schnell selber, dass man mit Schubladen arbeitet. Fragt sich, woran man es festmacht“, erklärt Dell’Anna. „Aber erst durch die Bandbreite der Rollenbilder kann ich merken, dass es kein festes Modell für Männlichkeit gibt. Stattdessen gibt es Vielfalt.“ Im Alltag sei diese Vielfalt aber nur schwer zu merken, weil Jungen laut Studien die „erlebbaren Männer“ fehlten. Mit der spielerischen Annäherung soll die Schranke aufgebrochen und Jungen alle Berufe zugänglich werden.
„Ideal wäre, wenn ein Junge der Erzieher werden will gar nicht erst das Gefühl hat, er gehe in einen Frauenberuf. Stattdessen sollte er einfach machen, woran er Spaß hat“, so Dell’Anna. Und so testen die Jungs ihr Bewerbungswissen, erfüllen Teamaufgaben, prüfen ihre Rollenbilder und machen einen Kondomführerschein, bei dem sie einem Penismodell ein Kondom überstreifen und ihr Sexualwissen auffrischen. Dessen Stationsleiter Agit Kaidy ist zufrieden: „Gedacht hätte ich es nicht, aber die Jungs wissen eigentlich alles.

Die Gesamtschule veranstaltet am 16. September einen „Marktplatz der Berufe“, wo Neuntklässler auf diverse Firmen treffen und vor Ort Berufe ausprobieren. Andere Schulen sind eingeladen. Interessierte melden sich vorher bei Annelie Benesch: 0201 - 88 40 800 oder annelie.benesch@gmx.de


JUNGENFÖRDERUNG
Methodenset ausleihen
Das so genannte „Starter Kit“ ist ein Parcours mit sechs Stationen, der sich um die Themen Zukunft- und Lebensplanung von Jungen dreht. Entwickelt wurde das Methodenset von der Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit. Es richtet sich an 13- bis 17-Jährige.
Jede Schule kann sich das Set kostenlos bei der Fachstelle Schule-Beruf des  Schulverwaltungsamts ausleihen, Infos: 0201 - 88 88 055. Ein entsprechendes Methodenset für Mädchen geht zum Jahresende in die Testphase.