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Segeln fernab von Staub und Abgasen – Ein Törn mit Christian-Müther-Stiftung – Segeln mit asthmakranken Kindern.
Von Martina Böttcher


„Man muss dem Zufall die Möglichkeit geben, einen zu finden“, ist einer meiner Wahlsprüche. Das heißt für mich, dass ich mit offenen Augen durchs Leben gehe und neue Angebote immer auf ihre Nützlichkeit für mich und meine Schülerinnen und Schüler prüfe. So ähnlich ging es mir in diesem Frühjahr, als ich erfuhr, dass der Grund, warum einer meiner Schüler ziemlich hohe Fehlzeiten hat, weder Faulheit noch Schulangst, sondern sein starkes Asthma ist. Da erinnerte ich mich an eine tolle Aktion, die seit über 20 Jahren jeden Sommer auf dem Greifswalder Bodden stattfindet.


Es ist die jährliche Gedächtnisfahrt der Christian-Müther-Stiftung. Die Stiftung wurde 1995 vom Rügener Bauunternehmer Ulrich Müther ins Leben gerufen und nach seinem verstorbenen Sohn benannt. Diese Stiftung ist nicht nur im Besitz eines wunderbar alten Segelbootes. Die in ihr engagierten Leute trommeln jedes Jahr viele weitere „Traditionssegler“ zusammen, um auf ihnen asthmakranken Kindern aus den Rügener Erholungskliniken erfrischende Tage auf dem Greifswalder Bodden zu ermöglichen.


„Das passt!“, dachte ich mir. Nun war Adrian leider nicht zur Kur auf Rügen angemeldet, aber da Fragen nichts kostet und die Stiftung noch einige Betreuer suchte, dachte ich, dass man das Praktische mit dem Nützlichen verbinden könnte. Und wirklich: die Verantwortlichen hatten nichts dagegen, einen Schiffsjungen und eine Betreuerin zusätzlich mit an Bord zu nehmen. So kam Adrian als einziger Jugendlicher in den Genuss, auch auf dem Schiff schlafen zu dürfen. Auch unser Schulleiter Herr Prepens und Herr Maurer vom Förderverein fanden die Idee überzeugend und ermöglichten uns eine vorzeitige und nicht zu kostspielige Abreise in die Ferien.


So ging unser Abenteuer am 13.7. los. Morgens kletterten wir verschlafen in den Zug, um sechseinhalb Stunden später in der ehrwürdigen Hansestadt Stralsund (immerhin UNESCO Weltkulturerbe) wieder auszusteigen und die Meeresluft in unsere Lungen zu lassen. Weil die Zeit es erlaubte, stärkten wir uns als Allererstes mit einem zünftigen Fischbrötchen und besuchten dann ein besonderes Highlight dieser Stadt: Das OZEANEUM, ein Meereskundemuseum, das 2010 zu Europas Museum des Jahres gewählt worden war (http://www.ozeaneum.de/). Viel Lebendiges, viel zum Anfassen, viel Erfühl- und Erfahrbares – für jeden, der sich für das Meer und seine Bewohner interessiert, ein echtes Muss! Dann war es auch schon soweit, an Bord zu gehen. Wir fuhren zu einem kleinen versteckten Hafen und sahen auf einmal 13 wunderschöne Segelboote mit bunten Wimpeln in friedlicher Ruhe nebeneinander im Wasser schaukeln. „Welches ich unseres?“, fragte Adrian sofort und ein freundlicher weißhaariger Herr antwortete mit einem Schmunzeln: „Wenn du der neue Schiffsjunge aus Essen bist, dann komm mit auf meine Atlantik – das ist die Größte.“ Ich glaube, in diesem Moment war die Begeisterung von Adrian und mir gleichermaßen groß. Wir verstauten unsere Sachen in den engen Kajüten und verbrachten einen gemütlichen Abend mit Seemannsschnack und Sonnenuntergang an Deck.


Der Ablauf an Bord verlief an allen Tagen ähnlich: Morgens wurden wir um sechs von den ersten Schritten geweckt: Jetzt hieß es: schnell aufstehen, Katzenwäsche, frühstücken und das Schiff auf die Ankunft der anderen Kinder vorbereiten. Zum Glück verbreitete die Sonne schon ihre warmen Strahlen und das Ein-Mann-Orchester, das eine halbe Stunde später mit Seemannsliedern Stimmung verbreitete, sorgte dafür, dass sich unsere Müdigkeit vorerst verflüchtigte. Um kurz vor neun kamen die Kinder und dann stachen nacheinander 13 stolze Segelschiffe in See. Den Tag verbrachten wir damit, die Manöveranordnungen vom Kapitän auszuführen: steuern, anluven, Segel auf- und abziehen, Tampen ordentlich verstauen und natürlich auch damit, mal einfach schön in der Sonne zu liegen. Dabei hatten wir Glück: Harry, unser Käpt’n, erlaubte uns, nach vorne über den Bug zu klettern und uns in ein stabiles Netz zu legen, in dem wir praktisch direkt über dem Wasser dahin glitten. Ein absolutes Gefühl von Freiheit und Sorglosigkeit durchzog mich und auch Adrian strahlte. Hier war von der Seekrankheit keine Rede, die ihn doch manchmal befiel, wenn er sich unter Deck verkriechen wollte.


Ein anderes Highlight war, als unsere Atlantik bei der Naturschutzinsel Ruden festmachte, die derzeit nur von zwei Menschen bewohnt wird und somit sehr viel unberührte Natur bietet, die wir auf einem kurzen Landgang erkundeten. Unvorstellbar für uns Großstädter, an einem so abgeschiedenen Ort zu leben.


Spannend wurde es, als Harry und ein befreundeter Kapitän aufgrund einer Windstille und der großen Hitze beschlossen, ihre zwei großen Schiffe mitten auf dem Meer die Boote aneinanderzulegen … und dann alle einluden, von der Reling ins kühle Nass zu springen: Da wurden unsere Schwimmkünste in besonderem Maße gefordert, denn das Wasser war natürlich mehrere Meter tief und trotzdem so warm und sauber, dass es einfach wunderbar war.


Da die Tage mit so viel Abenteuer und Arbeit ausgefüllt waren, tat es gut, dass uns abends, wenn wir in unseren Hafen einliefen, schon ein zünftiges Essen und meistens auch ein paar Überraschungen für die Kinder erwarteten. Da wurde der große Hunger gestillt und Luftballons, Pedalos, Rätsel und eine Hüpfburg zauberten Lächeln auf die Kindergesichter.


Am 16.8. gingen diese sorglosen Tage leider schon viel zu früh mit einer kleinen Abschlussveranstaltung zuende. Wir legten im Greifswalder Hafen an, säuberten noch einmal ordentlich das Deck und trafen uns dann mit den anderen Skippern und Besatzungen zu einem gemütlichen Abschlussschnack. Dann mussten wir schon wieder Sachen packen, da am anderen Morgen kurz nach dem Frühstück unser Zug Richtung Essen abfuhr.


Wahrscheinlich merkt jeder Leser, wie begeistert ich als Aufsichtsperson von der Reise war. Aber ich verspreche, dass auch für Adrian diese Tage eine ganz besondere Erfahrung waren. Arbeit an der frischen Luft, eine wertschätzende Atmosphäre in der Mannschaft, angewandte Physik bei der Schiffsbedienung und eine Zeit, in der er kein einziges Mal sein Asthmaspray rausholen musste. Kein Wunder also, dass er uns jeden Tag mit einem kleinen Liedchen einen ordentlichen Ohrwurm verpasste, oder doch? Für mich war es wirklich überraschend, dass ich den ruhigen und zurückgezogenen Jungen aus dem Unterricht von seiner aufgeschlossenen, neugierigen und lebendigen Seite kennenlernen durfte. Dafür möchte ich mich bei allen bedanken, die das möglich gemacht haben: der GEB, dem Förderverein, der Christian-Müther-Stiftung und unserem Käpt’n Harry!