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NRZ vom 20.Juli 2011 Die Geschichte der Anderen Wie erleben Teenager mit Migrationshintergrund die deutsche Vergangenheit? Mit Essener Gesamtschülern in Auschwitz Text und Fotos von Stephan Hermsen Auschwitz. Am Ende des ersten Tages stellt Samantha die Frage, auf die niemand eine Antwort findet: „Wie konnten die Menschen damals so etwas tun? Die haben ja sogar Kinder umgebracht, die sich ihre Religion nicht einmal ausgesucht haben." Die 16-Jährige hat fast den ganzen Tag in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz verbracht, mit über 40 Mitschülern - Schüler, die Dennis heißen, Pia oder Robin. Aber auch Abdullah, Astou, Sunjin oder Betül. Für rund die Hälfte der Neuntklässler sind die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht nur drei Generationen entfernt. Was sie der Geschichtsunterricht an der Essener Gesamtschule Bockmühle über die deutsche Vergangenheit lehrt, hat in vielen Fällen mit der Geschichte ihrer Vorfahren nichts zu tun. Dennoch haben sie die Belastung gespürt, als sie zur Gedenkstätte gingen. „Vielleicht sind die Menschen hier noch immer böse auf uns", hatten Aybike und Emel vermutet. Nein, böse ist ihnen niemand. Böse ist die Vergangenheit, die ihnen Natalia Kolodziejczyk erläutert: die Straßenwalze, die normalerweise von Pferden gezogen wurde, hier halbverhungerte Gefangene ziehen mussten, die Hinrichtungsstätte, eine Bahnschiene auf drei Pfählen, weil ein einfacher Galgen nicht reichte für die Vielzahl der Ermordeten. Dazu die Ausstellung, die deutlich macht, wie die Nationalsozialisten den Gefangenen alles abnahmen, was von Wert schien, von Kochtöpfen über die Schuhputzdose bis hin zu den Koffern. Schlimmer noch: wie sie den meist jüdischen KZ-Häftlingen die Haare raubten - für Matratzen und Wintermäntel und die Goldzähne aus dem Kiefer brachen. Zerschmetterte Puppe Irgendwann werden fast alle Teenager berührt, vor allem von den Momenten, in denen das Schicksal des Einzelnen in der Zahl der Millionen Ermordeter auftaucht. In der Geschichte von dem 13-jährigen Jungen zum Beispiel, der das KZ überlebte, weil ihn seine Mutter auf dem Weg in die Gaskammer zum Vater schickte, der als arbeitsfähig eingestuft war. Der Junge verstand die Situation nicht. „Deswegen waren die letzten Worte, die er zu seiner Mutter gesagt hat: Ich hasse dich", erzählt Nick. Für Chantal ist es die Kinderpuppe mit dem zerschmetterten Schädel, die in einer Vitrine liegt, mitgebracht von einem der Kinder, die ins Gas mussten. Engin stellt sich angesichts des Bergs der abrasierten Haare die Frage, ob das den Verstorbenen gerecht wird, dass auch nach 60 Jahren Menschen ihre sterblichen Überreste anschauen. Nicht alle Schüler wollen und müssen alles sehen, nicht alle gehen am Ende mit, um auch noch die Gaskammer zu besichtigten, die die Nationalsozialisten 1945 zu zerstören vergaßen. Einige Jugendliche nehmen einander in die Arme. Aus dieser Gruppe ist nicht zu hören, was junge Erwachsene aus Norddeutschland am Rande diskutieren: Welche Sätze der Betroffenheit sich abends in der Gesprächsrunde bei den Lehrern am besten machen. . . Ein Besucher aus Norddeutschland hat eine Lehrerin angesprochen. Ob die 15- bis 17-Jährigen nicht noch zu jung seien für eine derartige Reise? Auch Reiseleiterin Patricia Czechanowicz hatte anfangs Sorge, nachdem sie die Schulklassen im besten Pubertätsalter zur Vorbereitung in Essen traf - ob denn wohl auch alle reif genug seien, sich vor Ort angemessen zu verhalten. Die Lehrer haben die Jugendlichen mit Filmen und Texten vorbereitet - und auch einige Schüler zu Hause gelassen. Doch die, die gefahren sind, erschrecken, als plötzlich etwas in den Teich platscht, in dem die Asche der Millionen Ermordeten und Verbrannten versenkt wurde. Hat jemand von ihnen etwa einen Stein geschmissen? Erleichterung, als sich herausstellt: Es war nur ein Frosch. Trauer statt Scham Viele Worte machen die Neuntklässler nicht. Scham und Schuld wie noch in der Generation zuvor ist ihnen oft fremd, aber Mitleid und Trauer sind es nicht. Sie schreiben kleine Zettel, aber sie überlegen sich eine große Geste. Am Ende ihrer Reise in die Vergangenheit brennen 50 Kerzen vor den zwei alten Güterwagen, mit denen einst die Todgeweihten nach Auschwitz deportiert wurden. Auf zwei großen Steinen haben sie ihre Namen aufgeschrieben und sie niedergelegt. So, wie Juden es an ihren Gräbern tun. Die Lehrerinnen und Lehrer der Neuntklässler wissen: Aus Büchern lernen ihre Schüler nur wenig, doch in einigen Tagen werden die ersten von ihnen nach den zehn Pflichtschuljahren die Schule verlassen. Jetzt steht am Ende der Schulzeit eine gemeinsame Reise in Kirchen und Synagogen - und in eine Vergangenheit, die nicht immer ihre ist, aber für ihre Zukunft Bedeutung hat. Denn viele erfahren das schleichende Gift der Vorurteile, wie Ajshe, die argwöhnische Blicke auf sich spürt, wenn sie in einer Boutique den Blusenstoff befühlt. Die dunkelhäutige Astou musste sich in der Straßenbahn anhören, dass die Haltestange desinfiziert werden müsse, weil sie sie angefasst hat. Sanjin schüttelt den Kopf über solche Vorurteile: „In Albanien leben Katholiken, Orthodoxe und Moslems zusammen. Sie sprechen dieselbe Sprache, aber sie haben andere Namen für Gott." Seine Mitschüler Robin, Nick und John diskutieren, ob aus Vorurteilen und Klischees auch wieder ein tödliches System von Hass und Vernichtung werden könnte. Es scheint unmöglich auf dem Rückweg nach Deutschland, in einem Bus mit Jugendlichen, die Wurzeln in einem guten Dutzend Länder haben und jetzt wissen: So etwas ist nur möglich, wenn Menschen im Anderen nicht den Menschen erkennen. |
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