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Ein Projekt für die Kulturhauptstadt
Kinder suchen Oasen der Ruhe
WAZ, 26.05.2008, Von Sonja Pizonka

Fünftklässler der Gesamtschule Bockmühle bauen ihre eigene Ideal-Stadt. "Cybercity Ruhr" heißt das Projekt des kanadischen Medienkünstlers Graham Smith und seiner Mitarbeiterinnen Christina Smith und Anja Bardey.

Altendorf. Zahlreiche Baustellen auf den Straßen verkünden es: 2010 wird Essen stellvertretend für das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt. Während Planer, Künstler und Bürger ihre Ideen umsetzen, bauen Fünftklässler der Gesamtschule Bockmühle ihre eigene Ideal-Stadt. "Cybercity Ruhr" heißt das Projekt des kanadischen Medienkünstlers Graham Smith und seiner Mitarbeiterinnen Christina Smith und Anja Bardey. Das Team will von den Kindern wissen, was ihnen an ihrer Stadt besonders gefällt, was sie stört und welche Häuser sie sich wünschen.
Später soll aus diesen Ideen ein dreidimensionales Modell entstehen. "Zuerst fragen wir die Schüler nach ihren Lieblingsorten und besuchen wichtige Orte in ihrer Umgebung. Wir wollen ein Gefühl für Geschichte und Stadtstruktur vermitteln", erklärt Christina Smith. Das Rathaus haben sie mit den Schülern besucht, ebenso die Hirtsiefersiedlung.
Sven (12), Ibrahim (11), Marvin (11), und Justin (11) waren von den einheitlichen Wohnhäusern direkt neben der Gesamtschule so beeindruckt, dass sie nun ein Modell davon für die geplante Cybercity basteln. Mitarbeiter der Wohngenossenschaft Nord haben Plan und Fotos zur Verfügung gestellt. Eigene Zeichnungen helfen den Jungs ebenso weiter.
Von ihren Lieblingsorten haben die Schüler meist genaue Vorstellungen. "Ich mag den Nordpark, denn dort gehe ich immer mit meinem Hund spazieren", erzählt Justin. Für die Mädchen Saskia (11), Huda (11), Elena (13), Dilan (11) und Laura (11) gehört das Freizeitbad "Oase" zu ihren Lieblingsorten. Sie basteln für die "Cybercity" ein Modell des Gebäudes. "Wir wollen damit zeigen, wie wichtig uns das Schwimmbad ist", erklärt Saskia.
Ihr Lieblingsort ist ein Reiterhof, doch gleich drei Mädchen nennen ihren Garten als besten Ort der Stadt. "Es ist auffällig, dass die Kinder ein extremes Bedürfnis nach Ruhe haben, nach einem Ort, an dem sie ungestört sind", stellt Anja Bardey fest. Sie selbst hätte mit solch einem Wunsch nicht gerechnet. "Eher heißt es, Kinder wollen Plätze zum Toben", sagt sie.
Für eine Überraschung sorgte auch Schüler Kaan (10) bei der Anfertigung des großen gemalten Stadtplans. Dort stehen Wunschhäuser und tatsächliche Architektur friedlich nebeneinander. Kaan hat gleich drei Museen eingezeichnet. "Ich wünsche mir ein Museum für Urzeit, eines für die Unterwasserwelt und eines für Sehenswürdigkeiten", sagt er.
Das Cybercity-Team war an Wünsche nach mehr Fastfood-Häusern oder Sportplätzen gewöhnt, doch diese fünfte Klasse bringt mitunter ganz andere Ideen ein. Lehrerin Gerlinde Bosse ist selbst erstaunt über ihre Schüler. "Sie würden wahrscheinlich sogar noch nach Schulschluss bleiben, um weiter zu basteln. Ihr Einsatz für dieses Projekt ist wirklich unglaublich", sagt sie.
Graham Smith, seine Frau Christina und Anja Bardey besuchen noch bis 2010 Schulen im Ruhrgebiet, um anschließend die "Cybercity Ruhr" zu erstellen. In der Essener Gesamtschule Süd und in der Hauptschule Karnap haben Schüler bereits ihren Teil dazu beigetragen. Um den richtigen Einblick in die Modellstadt zu gewinnen, hat Graham Smith einen Videoroboter gebaut. Das Aussehen der kleinen ferngesteuerten Maschine mit eingebauter Videokamera können die Schüler selbst gestalten, später wird der Roboter dann durch das Cybercity-Modell fahren. "Er ist praktisch der Fußgänger, der die Stadt erkundet. So bekommen die Kinder einen unmittelbaren Einblick in ihr Werk", erzählt Christina Smith.
Anfang Juni soll das Modell der Fünftklässler fertig sein, dann können Interessierte in der Gesamtschule Bockmühle die Stadt durch Kinderaugen sehen.