Rede des Schulleiters Kl. Prepens zur Verabschiedung des 10. Jahrgangs am 1.06.2008
Liebe Eltern,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Schülerinnen und Schüler.
Um es kurz, knapp und ruhrgebietstypisch auf den Punkt zu bringen: „Getz happtert“.
Für zugereiste Teilnehmer/innen der Feier: „Jetzt habt ihr es geschafft“.
Und damit ist das Ende der Gemeinsamkeiten denn auch schon längst überschritten.
Was heißt hier: Ihr habt es geschafft?
Was ist es? Was heißt geschafft? Und wer ist „ihr“?
Okay - getz = jetzt - ist wenigstens schon mal klar: 11. Juni 2008; 8.30 Uhr; Verabschiedung der Schülerinnen und Schüler des 10. Jahrgangs und solcher aus dem 9. Jahrgang.
Was heißt hier es - es geschafft haben: Euch allen gemeinsam ist, dass ihr durch pures Ausharren älter geworden seid - ablesbar an Körpergröße, -gewicht, Schuhgrößen, Schminkkoffern, Handtaschen-utensilien und dem bescheinigten Ende der Schulpflicht. Das haben jetzt alle geschafft, auch die, die die Schule geschafft hat, die Familie oder der Umstand, dass es keine gab, oder irgendwas - lange vor diesem Termin.
Ab jetzt müsst ihr nicht mehr, ab jetzt dürft ihr - zumindest, was den Schulbesuch angeht.
Das immerhin haben alle geschafft.
Ist das schon das ganze Es in „es geschafft“? Es heißt auch:
- keinen Abschluss geschafft,
- heißt HA 9 geschafft,
- HA 10,
- FOR,
- FORQ.
Kann man es, das, was man da geschafft hat, pauschal einteilen in
- „Schuss in den Ofen“,
- „geht so“
und
Ist es, das, was man geschafft hat, definiert durch die Versetzungsordnung - und zwar ausschließlich?
Oder muss man das Es auch an dem messen, was man wollte, was man sich mal so vorgestellt hat, als man anfing?
Hat man es nicht geschafft, wenn man einen anderen Abschluss hat als den, den andere sich für einen ausgemalt haben?
Ist es vielleicht einfach das, was möglich war, mit dem Hintergrund, den Lehrern, den Klassenkameraden, der Freundin oder dem Freund, der Clique?
Wäre es was ganz anderes, wenn man in München älter geworden wäre oder in Leipzig, beim Almöi oder hinterm Deich?
Wahrscheinlich - aber: wäre es dann besser - vielleicht?
Und mal abgesehen vom es: was heißt denn geschafft?
Das unterstellt jedem und jeder von euch Arbeit: Geschafft haben kann ja nur, wer geschafft hat, also gearbeitet. Da bin ich mir sicher, das haben nicht alle.
Und: das „Geschafft-und-Gearbeitet-Haben“ ist nicht unbedingt am Abschluss ablesbar. Was haben da manche für die Vier geackert, geschrieben, gerechnet, auswendig gelernt, gemalt - gepfuscht, einige sogar für die Fünf oder für die Katz. Andere - haben bei ihren Nachbarn links und rechts abgeschrieben und von den Dreien die beste Note bekommen.
Die Einen sind die Meister der Herzen geworden, die Anderen Meister und beide haben auf ihre Art und Weise für das Leben gelernt und wollen und werden vielleicht mal die Rollen tauschen.
Die einen haben sich nur auf die Schulbank konzentriert und ihren Job da, die anderen auch noch auf die Schule - auf Sani-Dienste, Konzerte, Meisterschaftsspiele, SV, Zirkus, und, und, und und haben da für viele geschafft.
Und geschafft haben da auch Lehrer und Lehrerinnen, sicherlich auch mehr oder weniger und unterschiedlich erfolgreich oder besser gesagt wirksam. Viele haben es mit diesen Lehrerinnen und Lehrern geschafft; manche haben es wegen dieser Lehrer/innen geschafft, gar nicht so wenige, ein paar von euch auch trotz - und auch das muss nicht die schlechteste Erfahrung sein.
Geschafft ist also ein sehr weites und ein sehr differenziert zu betrachtendes Feld und es gibt da, um mal eine Anleihe bei dem Kabarettisten Volker Pispers zu machen, Wirklichkeiten und gefühlte Wirklichkeiten, empfundene. Wer Meister wird, hat gut gespielt, wer verliert, hatte einen schlechten Trainer.
Warum sollten Schülerinnen und Schüler sich da weniger vormachen, als die Erwachsenen. Auch bei denen - und nicht nur bei den Fußballern- ist es üblich Sieg und Profit selbst einzufahren, Niederlage und Verlust zu sozialisieren.
Trifft ein Spieler in der 94. Minute durch 19 Paar Beine hindurch das Tor und wird Meister, dann ist er cool, abgeklärt, ein Mann ohne Nerven, ein Präzisionsschütze, der sich diese Fähigkeit in langen Jahren hart erarbeitet hat.
Hätte eines dieser 19 Beinpaare dickere Socken getragen, wäre der Ball dadurch abgelenkt worden, so hätte man lesen können, die Nerven hätten versagt , weil der Trainer auf diese Situation nicht ausreichend vorbereitet habe.
Man sieht: es geschafft haben ist von vielen Faktoren abhängig und unterliegt sehr unterschiedlicher Beurteilung.
Das kann auch gar nicht anders sei und damit kommen wir zu der Fragen „Wer seid ihr?“
Einfache Antwort: Schülerinnen und Schüler
Und auch das sind schon zwei Angaben.
Wenn man T-shirt-Aufschriften glauben darf, sind die Trägerinnen Zicken, Lolitas, Gangsterbräute, Groupies, Lara Crofts, Brillenschlangen, Heidis u.v.a.m.
Für die Herren der Schöpfungen lassen sich sicher T-shirts finden, die sie als Machos ausweisen, Ohne-Helm-Skater, Sauna-unten-Sitzer, Für-Tiere-Bremser, Lehrer-Taschen-Träger, Pfandflaschen-Abgeber, Im-Unterricht-Heimlich-Raucher.
Die alle und noch viel mehr sind gemeint, wenn hier von Euch die Rede ist.
- 220 Leute, differenziert in Jungen und Mädchen, Damen und Herren und alle Stufen dazwischen.
- 220 Leute, aufgewachsen in 220 unterschiedlichen Elternhäusern mit vielen Geschwistern, mit wenigen, ohne. Groß geworden als Ältester, Jüngste, Mittlere, als Nachzügler. Groß geworden bei Vatern und Muttern, bei Oma und Opa, nur bei Muttern, nur bei Opa, im Heim, in eigener Wohnung.
- 220 Leute aus 20 Nationen, geboren hier oder außerhalb Deutschlands: in Kasachstan, in der Türkei, im Libanon, in Marokko, Italien, Griechenland, Polen, in Slowenien, Bosnien, Serbien, Kroatien, Mazedonien, in Russland, in der Ukraine, in Weißrussland, in Portugal, in Spanien, in Tunesien, in England, in den unterschiedlichsten Staaten Asiens, Afrikas und Südamerikas.
Habt ihr mitgekriegt, wer ihr seid und mit wem ihr es zu tun hattet, wen ihr toll fandet, wen zum Abgewöhnen.
Ihr ward Euch eine reiche Auswahl:
- türkischer Sauna-Obensitzer mit Goldkettchenanmache
- deutsche Halbglatze mit polnischen Vorfahren und italienischer Freundin
- kopftuchtragende beinharte linke Verteidigerin
- Klitschko-Fan ohne Doktortitel, aber mit deutschem Pass und russischer Seele.
Jemand, der heute in drei Tagen entlassen wird, einer der Abiturienten, hat auf die Frage nach dem, was ihm am besten auf der Bockmühle gefallen habe, gesagt: „Wenn man 9 Jahre an dieser Schule verbracht hat, dann hat man eins gewonnen: Menschenkenntnis. An der Bockmühle treibt sich wohl so ziemlich jeder mögliche Typ von Charakter herum. Vom komplexzerfressenen Mini-Möchtegern-Macho über den durchschnittlichen Max Mustermann bis zum besten Freund, mit dem man Pferde stehlen kann.“
Wenn das das Beste an der Schule ist, dann ist das nicht das Schlechteste, das man haben kann:
- Wenn man hier den Freund fürs Leben oder fürs Pferdestehlen findet,
- wenn die meisten ein bisschen Max Mustermann sind, und dafür sorgen, dass der Laden Mini-Möchtegern-Machos aushält,
- wenn das 220-mal nebeneinander möglich ist, wenn akzeptiert ist,
- dass die Unterscheidung in Jungen und Mädchen ausreichend ist, um allen gerecht zu werden,
- dass man den Tag gemeinsam beginnen kann, ohne vorher 20 Nationalhymnen abzuspielen,
- wenn die Gemeinschaft unterschiedliche Farben aushält, ohne den Wunsch nach Einfarbigkeit Oberhand gewinnen zu lassen,
dann hattet ihr wirklich nicht die schlechtesten Bedingungen und Lernangebote.
Wenn ihr das an Erfahrung mitnehmt, neben den Abschlüssen und allem anderen, wenn ihr Nebeneinander und - wo es geht- Miteinander für euch als Prinzip beibehaltet, wenn ihr darauf besteht, dass ihr so sein dürft, wie ihr seid,und dieses Recht auch für alle anderen einfordert, wenn ihr Meinungsverschiedenheiten zwischen Ali und Dimitri nicht zu Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Türkei macht, sondern bei Ali und Dimitri lasst, wenn ihr einen Menschen nach seinem Reden und Tun beurteilt und nicht nach dem Geburtsort seiner Vorfahren, dann hätte man etwas, worauf man stolz sein könnte in diesem Lande - gemeinsam.
Nicht darauf, dass man Pole ist, Türke, Deutscher oder Pinguin, weiß, braun oder schwarz, verliebt in Jungs oder Mädchen, sondern darauf, dass man das in diesem Lande sein kann und dass man dazu beiträgt, dass das so bleibt.
Getz happtert!
Ich wünsche euch für eure Zukunft alles Gute, gratuliere euren Eltern zu euch und erkläre euch für entlassen - vorläufig …:
Am Freitag vor dem ersten Advent 2008 ist Ehemaligentreffen. Anwesenheit ist Pflicht. |
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